ENERGIE: Stadtwerke investieren Milliarden
ENERGIE: Stadtwerke investieren Milliarden
Kommunale Unternehmen wollen Stromproduktion verdoppeln / Auch regionale Projekte
POTSDAM - Vor einem halben Jahr, als die schwarz-gelbe Bundesregierung gegen viele Proteste die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert hatte, gehörten sie zu den schärfsten Kritikern. Jetzt, wo im Angesicht der Atomkatastrophe in Fukushima sieben Kernkraftwerke abgeschaltet wurden und das deutsche Energiesystem offenbar vor einem Totalumbau steht, bieten Kommunen und Stadtwerke wieder ihre Mitwirkung an.
„Wir sehen die Chance, das Energiekonzept jetzt im Sinne eines nachhaltigen Klimaschutzes und eines modernen Energiekonzeptes neu zu bewerten und umzugestalten“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Stephan Articus, gestern in Berlin.
Einfach wie im Herbst „beiseite geschoben“ zu werden, wolle man sich aber nicht mehr bieten lassen, ergänzte sein Amtskollege vom Verband kommunaler Unternehmen, Hans-Joachim Reck. Er forderte eine „Plattform“ für die Stadtwerke in den Gremien, die den Umbauprozess begleiten sollen, wie die Ethikkommission unter dem früheren Umwelt-Generalsekretär der UN, Klaus Töpfer.
Die Energieversorgung im Zeitalter erneuerbarer Energien wird künftig deutlich weniger auf zentralen Strukturen beruhen – schon allein, um den nötigen Ausbau der großen Stromübertragungsnetze in vertretbarem Rahmen zu halten. „Die Stadtwerke sind die geborenen Partner für eine dezentrale Energieversorgung“, sagte Articus.
Schon heute stemmen die rund 600 Stadtwerke bundesweit fast ein Zehntel der Stromversorgung. Rund zwei Drittel der gelieferten Energie kommen aus hocheffizienten Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung, die gleichzeitig Heizungskunden versorgen. Knapp ein Zehntel wird aus erneuerbaren Quellen gespeist.
Laut Reck ist innerhalb der kommenden zehn Jahre ein weiterer Ausbau auf 20 Prozent der Energieversorgung realistisch. Schon aktuell würden die Stadtwerke über acht Milliarden Euro in Projekte investieren, die im Bau oder in Genehmigungsverfahren sind. Manche Vorhaben liegen aber seit der Laufzeitverlängerung vorläufig auf Eis. Schwerpunkt sind wiederum Gas-Kraft-Wärme-Kopplung und erneuerbare Energiequellen.
Die so zugebaute Leistung in der Stromversorgung entspreche der von fünf mittleren Kernkraftwerken, so Reck. Bleibe es beim Ausstieg aus der Atomenergie, werde die Branche weitere Milliardenbeträge zusätzlich investieren, kündigte Reck an.
Die Investitionen zeigen sich auch vor Ort in Brandenburg. Die Stadtwerke Potsdam haben zusätzlich zu ihrem seit Mitte der 1990er Jahre laufenden Gas-Kraftwerk in ein Blockheizkraftwerk investiert, das mit Deponiegas betrieben wird. Der gewonnene Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Mitte 2010 kam eine Photovoltaikanlage auf rund 3700 Quadratmeter hinzu, die auf dem Dach der Verkehrsbetriebe installiert wurde. Seit dem Herbst wird kein zusätzlicher Atomstrom mehr eingekauft. Ende des Jahres ist ein weiteres Blockheizkraftwerk geplant, das auf Basis von Klärgas zusätzlich Strom produzieren soll.
Die Stadtwerke Brandenburg/Havel haben seit 2009 rund fünf Millionen Euro in zwei Blockheizkraftwerke investiert. Zudem wurde eine große Photovoltaikanlage auf einer stillgelegten Klärwerksfläche gebaut, die im vergangenen Januar in Betrieb gegangen ist. Beide kommunale Unternehmen investieren darüber hinaus intensiv in den Ausbau der Netze. Ein Blockheizkraftwerk-Projekt gibt es auch bei den Stadtwerken Bernau (Barnim). (Von Gerald Dietz)
Branche der erneuerbaren Energien im Aufwind
80 Prozent der Unternehmen aus der Branche der Erneuerbaren Energien rechnen für den Zeitraum von 2011 bis 2014 mit deutlich steigenden Umsätzen. „Die Branche liefert nicht nur Technik für einen schnellen Atomausstieg, sondern stärkt den Standort Deutschland“, sagte gestern der Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE), Björn Klusmann, der in Berlin eine Umfrage unter 304 Firmen vorlegte.
Mehr als vier Milliarden Euro werden die Unternehmen 2011 in Produktionsanlagen investieren, etwa neue Fertigungshallen oder Labore. Bis 2014 sollen die Investitionen um 3,3 Prozent auf rund 4,5 Milliarden Euro steigen. Weitere 1,5 Milliarden Euro fließen in Forschung und Entwicklung.
Ein Großteil der Investitionen kommt dem Stromsektor zugute. Hier profitiert vor allem die Windenergie (rund 1,8 Milliarden Euro im laufenden Jahr). Im Jahr 2014 sollen die meisten Investitionen – 2,1 Milliarden Euro – in Photovoltaik-Anlagen fließen.
Im Wärme-Sektor, etwa Solarthermie, Biomasse und Wärmepumpen, investieren die Unternehmen im Jahr 2014 rund 231 Millionen Euro.
Zwei Drittel der von den befragten Firmen weltweit getätigten Investitionen bleiben in Deutschland. Die hohe Qualität halte viele Unternehmen davon ab, etwa die Produktion hochkomplexer Windanlagen nach Osteuropa zu verlagern, sagte ein BEE-Sprecher. „Damit sichert sich Deutschland weiterhin eine Spitzenposition im weltweiten Wettbewerb um grüne Technologien“, so der BBE-Geschäftsführer Klusmann.
Die Beschäftigungszahlen profitieren von dieser Entwicklung. „Schon heute arbeiten in Deutschland insgesamt rund 370 000 Menschen im Bereich der Erneuerbaren Energien“, sagte Klusmann. Knapp zwei Drittel der Unternehmen wollen ihre Beschäftigtenzahl bis 2014 aufstocken.
Quelle: Märkische Allgemeine, sad

